Angewandte Kunst Nrw

Was ist Angewandte Kunst? Definition, Geschichte und Bedeutung des Kunsthandwerks

Was ist Angewandte Kunst? Definition, Geschichte und Bedeutung des Kunsthandwerks

Der Begriff klingt akademisch, beschreibt aber etwas zutiefst Menschliches: die Verbindung von Funktion und Schönheit. Angewandte Kunst ist überall – in der handgedrechselten Schüssel auf dem Küchentisch, im geschmiedeten Türgriff, im handgewebten Textil. Und doch bleibt unklar, wo sie beginnt, wo sie endet und wie sie sich von freier Kunst oder Design abgrenzt. Eine Begriffsklärung, die mehr ist als Wortklauberei.

Was bedeutet „Angewandte Kunst"?

Angewandte Kunst bezeichnet alle künstlerischen Disziplinen, bei denen ein praktischer Verwendungszweck im Mittelpunkt steht. Anders als die Freie Kunst, die primär um ihrer selbst willen existiert, verbindet die Angewandte Kunst ästhetischen Anspruch mit Gebrauchsfunktion. Das Objekt soll nicht nur gefallen – es soll auch funktionieren.

Das klingt nach einem klaren Prinzip, ist in der Praxis aber eine dauernde Aushandlung. Eine Keramikvase kann Wasser halten oder ausschließlich Betrachtung einladen – oder beides. Die Grenzen sind fließend, und das ist kein Makel, sondern das eigentliche Wesen dieser Kunstform.

Zu den klassischen Disziplinen der Angewandten Kunst zählen:

  • Keramik und Töpferei
  • Glas- und Metallgestaltung
  • Textil- und Faserkunst
  • Schmuck und Goldschmiedekunst
  • Holzgestaltung und Möbelkunst
  • Buchkunst und Grafik

Was sie verbindet: die unmittelbare Beziehung zwischen Hersteller, Material und Gebrauchsform.

Kunsthandwerk – eine Präzisierung

Innerhalb der Angewandten Kunst nimmt das Kunsthandwerk eine besondere Stellung ein. Hier steht die handwerkliche Ausführung im Vordergrund – das Beherrschen von Material und Technik durch die Hand des Schaffenden. Kunsthandwerk entsteht in der Regel als Unikat oder Kleinserie; Entwerfende und Ausführende sind oft dieselbe Person.

Das unterscheidet das Kunsthandwerk vom Kunstgewerbe, das funktionale Objekte häufig seriell und nach externen Entwürfen produziert, sowie vom Design, das primär auf die Entwicklung von Prototypen für die industrielle Massung zielt. Die drei Felder überschneiden sich, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte: handwerkliche Einzelfertigung, gewerbliche Serie, industrieller Entwurf.

Auf der deutschen Wikipedia lässt sich diese Abgrenzung gut nachlesen – und zeigt, wie bewusst die Begriffe historisch auseinandergehalten wurden.

Historische Entwicklung: Von der Handwerkszunft zur Kunstbewegung

Jahrhunderte der Verschmelzung

Lange galten Maler, Goldschmiede, Töpfer, Schnitzer und Glasmaler schlicht als Handwerker – ihre Kunst war nicht weniger kunstvoll, wurde aber nicht als eigenständige ästhetische Kategorie betrachtet. Der Begriff „Kunsthandwerk" ist eine verhältnismäßig junge Erfindung, die erst entstand, als die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts eine scharfe Trennlinie zwischen Handarbeit und Maschinenproduktion zog.

Die Reformbewegungen des späten 19. Jahrhunderts

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung wuchs die Kritik an der Verarmung handwerklicher Ästhetik. In England formulierte die Arts and Crafts Movement unter William Morris die Gegenbewegung: Handarbeit als kulturellen Wert, das Objekt des Alltags als künstlerische Aufgabe. Diese Ideen wirkten direkt auf Deutschland.

In Deutschland entstanden ab den 1890er Jahren die Kunstgewerbebewegung und kurz darauf der Deutsche Werkbund (gegründet 1907), der die Qualität von Handwerk, Industrie und Kunst zusammendenken wollte. Das war kein nostalgisches Rückzugsgefecht, sondern ein modernes Programm: gute Gestaltung für alle, nicht nur für die Elite.

Das Bauhaus und seine Nachwirkung

Das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus radikalisierte diesen Ansatz. Hier sollten Kunst und Handwerk tatsächlich eins werden – Werkstätten statt Ateliers, Meister statt Professoren (zunächst). Das Bauhaus prägte das Bild des 20. Jahrhunderts und machte aus dem Kunsthandwerk eine ernstzunehmende Designdisziplin.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konsolidierten sich die professionellen Strukturen: Berufsverbände entstanden, Ausbildungsgänge wurden etabliert, Kunsthandwerk bekam institutionelle Anerkennung. In Nordrhein-Westfalen etwa bildeten sich regionale Zusammenschlüsse von Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern, die schließlich unter dem Dach der Angewandte Kunst NRW e.V. vereint wurden.

Die Bedeutung heute

Angewandte Kunst ist heute mehr als Nostalgie. In einer Welt industriell gefertigter Massenware wächst das Interesse an Objekten mit Haltung – hergestellt von Menschen, die ihr Material kennen, die mit den Händen denken und die Funktionalität nicht gegen Ästhetik ausspielen, sondern beides als untrennbar begreifen.

Warum Angewandte Kunst relevant bleibt

Drei Gründe stechen heraus:

Materialtiefe. Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker gehen ein langjähriges Verhältnis mit ihrem Material ein. Ton, Glas, Metall, Textil – jedes hat eine eigene Logik, die sich nur durch jahrelange Praxis erschließt. Das Ergebnis sind Objekte, die über ihre bloße Funktion hinausweisen.

Regionale Identität. Handwerkliche Traditionen sind immer auch kulturelles Gedächtnis. Wer Angewandte Kunst fördert, bewahrt regionale Techniken und ästhetische Traditionen – nicht als Museum, sondern als lebendige Praxis.

Gegengewicht zur Massenproduktion. Das Unikat, die Kleinserie, das von einer Person entworfene und hergestellte Objekt – das sind Alternativen in einer Kultur des Überflusses. Nicht elitär gemeint, sondern als bewusste Entscheidung für Qualität und Herkunft.

Angewandte Kunst als Beruf

Wer heute als Kunsthandwerkerin oder Kunsthandwerker arbeitet, bewegt sich in einem anspruchsvollen Umfeld. Die handwerkliche Exzellenz allein reicht nicht – es braucht unternehmerisches Denken, Präsenz auf Ausstellungen und Märkten, digitale Sichtbarkeit und den Austausch mit anderen Schaffenden.

Genau dafür gibt es Berufsverbände: als Interessenvertretung gegenüber der Politik, als Netzwerk für den fachlichen Austausch, als Plattform für Ausstellungen und als Stimme des Kunsthandwerks in der Öffentlichkeit. In NRW erfüllte die Angewandte Kunst NRW e.V. mit ihren rund 220 Mitgliedern genau diese Funktion – als Brücke zwischen einzelnen Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern und den größeren kulturpolitischen Strukturen des Landes.

Die Frage „Was ist Angewandte Kunst?" lässt sich also nicht mit einem Satz beantworten – weil sie nicht nur ein Begriff ist, sondern eine Haltung. Die Überzeugung, dass Schönheit und Nützlichkeit keine Gegensätze sind, und dass das, womit wir unseren Alltag gestalten, es wert ist, mit Sorgfalt gemacht zu werden.